Geschichte des Russenlagers während des I. Weltkriegs


Auszug aus:
„GRÖDIG - aus der Geschichte eines alten Siedlungsgebietes am Untersberg“
von W. Aumayr, J. Brettenthaler, H. Haslauer

Kriegsgefangenenlager Grödig - St Leonhard - Niederalm

Bereits im November / Dezember 1914 wurde der Plan für das sogenannte LAGER I entworfen. Ausführende waren dann mehrere Baufirmen. Die Errichtung des Lager I erfolgte so rasch, dass man bereits im März 1915 mit dem Bau des Lager II beginnen konnte, bald darauf folgte Lager III. Die Gründe für die Lager waren zwangsweise den bäuerlichen Besitzern abgepachtet worden. Das Flächenmaß der gesamten Anlage waren 598.000 m2. Der erste Gefangenentransport mit 2000 Russen traf jedenfalls am 28. April 1915 in Lager I mit der Lokalbahn am Bahnhof Grödig ein. Gendarmen mussten bei der Auswaggonierung und Überstellung ins Lager Assistenz leisten. Erst später wurde vom Bahnhof Grödig ein eigenes Schleppgeleise bis ins Lager geführt, ebenso im Lager II, was auch eine große Erleichterung für die Beförderung der vielen Hilfsgüter brachte. Etwa 3500 Gefangene waren für verschiedene gewerbliche und bäuerliche Arbeiten abgestellt. Zur Zeit des Höchstbelages zählte die Lagerstadt an die 40.000 Menschen, Verwaltung-und Bewachungspersonal eingerechnet.

Die Ostfront war wohl weit genug von diesem Standort entfernt womit Fluchtversuche wenig Erfolg gehabt hätten. Es waren meist Russen und Serben. Nach dem Kriegseintritt von Italien, womit man nicht gerechnet hatte, kamen auch Italiener dazu. Für die Italiener wurde aber dann ein eigenes Lager in Sigmundsherberg (Niederösterreich) gebaut.

Die Lager waren mit einem 2 m hohen Stacheldrahtzaun umgeben. In sanitärer Hinsicht waren die Lager sehr gut ausgebaut. Es bestand eine durchgehende Kanalisation eine Trinkwasserleitung vom Untersberg, Nutzwasser vom Almkanal, einem Spital mit einem modern eingerichteten Operationssaal, Großwäscherei und -bäckerei, sowie ein Schlachthaus, aber auch ein Badehaus, das täglich für 2000 Menschen benutzbar war. Auch existierte ein eigenes Post und Thelegraphenamt. Nach Fertigstellung des Lager III wurden die Flüchtlinge in dieses verlegt. Fluchtversuche waren selten und auch die Disziplin im Lager war den Umständen entsprechend normal. Es wurde eifrig Theater gespielt, wofür ein eigener Saal zur Verfügung stand. Die Russen stellten ausgezeichnete Chöre auf. Es gab eine Blechmusik und eine Balalaikakapelle, eine große Bibliothek und dazu eine eigene Lesehalle. Für die verschiedenen Konfessionen waren entsprechende Kirchen und Bethäuser eingerichtet: eine katholische, protestantische und orthodoxe Kirche, ein jüdischer Tempel und ein mohammedanischer Gebetsraum. Da viele Kinder unter den Flüchtlingen waren, wurde auch eine russische, eine ukrainische und eine jüdische Schule eingerichtet.

Im Februar 1918 kam es zunächst zum teilweisen Rücktransport der Flüchtlinge. 15 Objekte wurden dadurch frei und in diese wies man einheimische Wohnungssuchende und Obdachlose ein. Im Herbst 1918 neigte sich das Kriegsgeschehen seinem Ende zu.

Mit 5. November 1918 begannen die ersten Entlassungen und die Heimtransporte der Kriegsgefangenen und am 15. Jänner 1919 erfolgte schließlich die Liquidierung der Lager I und II. Die Lagergebäude waren zwar arg desolat, aber bei der damaligen Materialnot brachte ihr Abbruch trotzdem hochbegehrte Baustoffe und dergleichen, für die man horrende Preise erzielen konnte. 1921 wurde eine vollständige ehemalige Lagerbaracke in Fürstenbrunn als Schulhaus aufgestellt. Auch die erste Bühne für die Jedermann-Aufführung im Rahmen der Salzburger Festspiele (1920) entstand aus Lagerabbruchmaterial, ebenso eine Turnhalle in Morzg.

Die Grundstücke erhielten die Eigentümer zurück, allerdings so, dass weder Leitungen noch Fundamente usw. entfernt waren. Anstelle des Lager III wurde aus Abbruchmaterial eine neue Barackenanlage samt Sportanlage geschaffen. Diese war dann von 1924-1927 ein Lehrlingsheim, in dem turnusmäßig hauptsächlich Jugendliche aus Wien untergebracht waren. Nach 1938 entstand eine Führerschule der Hitlerjugend daraus, bis sich dann im und nach dem zweiten Weltkrieg die ursprüngliche Bestimmung dieser Gebäude auf tragisch Weise wiederholte. Es zogen dort Flüchtlinge aus dem Südosten, besonders aus dem Banat ein, und so hieß das Ganze nun „Schwabenlager". Nach 1945 verschwanden die letzten Baracken. Geblieben ist allein der Lagerfriedhof (Russenfriedhof).


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